Ein Eisenmangel entwickelt sich typischerweise in drei aufeinanderfolgenden Phasen, mit zunehmender Symptomatik. Eine frühe Erkennung über die Eisenspeicher-Werte ist wichtig, weil die offensichtlichen Symptome erst in der späteren Anämie-Phase auftreten.
Die drei Phasen des Eisenmangels
Eisenmangel verläuft in einem gut dokumentierten Stufenmodell.
Speichermangel (latenter Eisenmangel): Die Eisenspeicher in Leber, Milz und Knochenmark sind reduziert. Im Blutbild ist das am Ferritin-Wert erkennbar (reduziert), Hämoglobin und Erythrozyten sind noch normal. Etwa 20 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter befinden sich in dieser Phase.
Eisendefizitäre Erythropoese: Die Eisenspeicher sind erschöpft, die Eisenversorgung der blutbildenden Zellen reicht nicht mehr aus. Ferritin niedrig, Transferrin-Sättigung niedrig, Hämoglobin noch knapp normal oder grenzwertig.
Eisenmangelanämie: Die Hämoglobin-Produktion ist deutlich reduziert. Hämoglobin unter den Referenzwerten, die roten Blutkörperchen werden kleiner (mikrozytär) und blasser (hypochrom). Klinisch eine manifeste Erkrankung, die ärztlich behandelt wird.
Die wichtige praktische Konsequenz: Symptome können bereits in der ersten Phase auftreten (Müdigkeit, Haarausfall, eingerissene Mundwinkel), obwohl die klassischen Anämie-Werte noch normal sind. Eine ärztliche Diagnostik sollte daher den Ferritin-Wert mit umfassen, nicht nur das Hämoglobin.
Symptome von Eisenmangel
Die Symptome eines Eisenmangels sind vielfältig und werden oft erst spät dem Mangel zugeordnet. Häufige Symptome umfassen die folgenden Bereiche.
Allgemeinsymptome: Müdigkeit, Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf, verminderte Leistungsfähigkeit, Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit. Eisen trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung und zur normalen kognitiven Funktion bei.
Haut, Haare und Nägel: Diffuser Haarausfall, brüchige Nägel, Längsrillen in den Fingernägeln (Koilonychie in schweren Fällen mit löffelförmiger Verformung), trockene blasse Haut, eingerissene Mundwinkel (Cheilitis angularis), brennende Zunge oder glatte rote Zunge (atrophische Glossitis).
Augen: Blasse Bindehaut der inneren Augenlider, dunkle Augenringe.
Nervensystem: Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrgeräusche, Konzentrationsstörungen, in schweren Fällen Restless-Legs-Syndrom mit Bewegungsdrang der Beine vor allem nachts.
Kreislauf: Herzklopfen, Atemnot bei Belastung, beschleunigter Herzschlag.
Immunsystem: Häufigere Infekte. Eisen trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei.
Psyche: Reizbarkeit, depressive Verstimmungen, reduzierte Stresstoleranz.
Wichtige Einordnung: Diese Symptome sind unspezifisch und können viele andere Ursachen haben (Schilddrüsenfunktionsstörungen, Vitamin-B12- oder Folsäure-Mangel, Schlafprobleme, depressive Erkrankungen, Wechseljahre-bedingte Veränderungen). Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, bevor pauschal von Eisenmangel ausgegangen wird.
Diagnostik: die wichtigen Blutwerte
Eine zuverlässige Diagnostik eines Eisenmangels erfolgt über das Blut. Drei Werte sind besonders wichtig.
Hämoglobin (Hb): Misst die akute Sauerstofftransport-Kapazität. Referenzwerte Frauen 12 bis 16 g/dl, Männer 13 bis 18 g/dl. Niedrig bei manifester Anämie.
Ferritin: Misst die Eisenspeicher. Referenzwerte Frauen 15 bis 150 µg/l, Männer 30 bis 300 µg/l. Der wichtigste Wert für die frühe Erkennung eines Eisenmangels. Bei Werten unter 30 µg/l besteht ein relevanter Speichermangel, selbst wenn das Hämoglobin noch normal ist.
Transferrin-Sättigung: Misst die aktuelle Verfügbarkeit von Eisen für die Blutbildung. Referenz etwa 16 bis 45 Prozent. Unter 16 Prozent deutet auf einen funktionellen Eisenmangel hin.
Bei einigen Erkrankungen (chronische Entzündungen, Lebererkrankungen) kann der Ferritin-Wert trotz Eisenmangel normal oder erhöht sein, weil Ferritin ein Akute-Phase-Protein ist. In diesen Fällen ist die zusätzliche Bestimmung der Transferrin-Sättigung oder des löslichen Transferrin-Rezeptors sinnvoll. Die Interpretation der Blutwerte gehört in die ärztliche Hand, weil die Zusammenschau mit weiteren Werten und der individuellen Situation wichtig ist.
Resorptions-Förderer und -Hemmer
Die Aufnahme von Nicht-Häm-Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln ist stark abhängig von Cofaktoren in der gleichen Mahlzeit.
Förderer der Eisenresorption: Vitamin C (Ascorbinsäure) ist der wichtigste Resorptions-Förderer. Bereits 50 Milligramm Vitamin C zur Mahlzeit können die Eisenresorption verdoppeln bis verdreifachen. Quellen sind Hagebutte, Acerola, Sanddorn, Zitrusfrüchte, Beeren, Paprika und Brokkoli. Weitere fördernde Cofaktoren sind organische Säuren (Essig, Zitronensäure) und tierisches Protein (für Mischkostler).
Hemmer der Eisenresorption: Tannine in Tee und Kaffee (Reduktion um 50 bis 70 Prozent), Phytate in Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten (Reduktion um 50 bis 65 Prozent, durch Einweichen und Keimen reduzierbar), Oxalate in Spinat, Rhabarber und Mangold (das in Spinat enthaltene Eisen wird trotz hohen Gehalts nur zu etwa 1 Prozent resorbiert), Calcium in Milchprodukten und calciumreichen Mineralwässern (mäßige Hemmung), Polyphenole in dunkler Schokolade und Rotwein (mäßige Hemmung).
Praktische Konsequenz: Eisenreiche pflanzliche Mahlzeiten sollten mit einer Vitamin-C-Quelle kombiniert werden, gleichzeitig sollten Kaffee, schwarzer und grüner Tee sowie Milchprodukte zeitlich versetzt (eine bis zwei Stunden Abstand) konsumiert werden.
Eisen und Frauenheilkunde
Frauen im gebärfähigen Alter haben einen besonderen Eisenbedarf. Die monatliche Menstruation bedeutet einen Blutverlust von etwa 30 bis 50 Millilitern pro Zyklus, was etwa 15 bis 25 Milligramm Eisen entspricht. Bei starker Menstruation (Menorrhagie) sind deutlich höhere Verluste möglich. In der Schwangerschaft steigt der Eisenbedarf durch die wachsende Plazenta, den fetalen Aufbau und die Erhöhung des mütterlichen Blutvolumens. Detaillierte Informationen zur Menstruation finden sich im Glossar-Eintrag Weiblicher Zyklus, zu prämenstruellen Beschwerden im Glossar-Eintrag PMS, zu Veränderungen der Eisenversorgung in der späteren Lebensphase im Glossar-Eintrag Wechseljahre.