Folsäure gehört zur Gruppe der B-Vitamine und trägt die Vitamin-Bezeichnung B9. Sie wurde 1941 von Mitchell, Snell und Williams aus Spinatblättern isoliert und nach dem lateinischen Wort folium (Blatt) benannt. Heute ist Folsäure einer der am intensivsten untersuchten Mikronährstoffe der westlichen Medizin, vor allem wegen ihrer zentralen Bedeutung in der pränatalen Versorgung.
Folat und Folsäure: ein wichtiger Unterschied
Im Sprachgebrauch werden die Begriffe Folat und Folsäure oft synonym verwendet, sie bezeichnen aber unterschiedliche chemische Formen.
Folat: Die natürliche Form in Lebensmitteln. Ein Sammelbegriff für eine Gruppe verwandter Verbindungen, die alle ähnliche Funktionen erfüllen. Wichtige natürliche Folate sind 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF), Tetrahydrofolat, Dihydrofolat und 10-Formyltetrahydrofolat. Diese natürlichen Folate kommen in grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten, Leber, Eiern, Vollkornprodukten und einigen Obstsorten vor.
Folsäure: Die synthetische Form, die in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln verwendet wird. Folsäure ist im chemischen Sinne kein natürliches Folat, sondern eine vom Körper nicht direkt verwertbare Vorstufe. Sie wird in mehreren enzymatischen Schritten in den Körperzellen zur aktiven Form 5-MTHF umgewandelt. Diese Umwandlung läuft über das Enzym Methylentetrahydrofolat-Reduktase (MTHFR).
Eine dritte Form ist das direkt aktive 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF), auch als L-Methylfolat oder Metafolin bekannt. Es ist die biologisch wirksame Form, die ohne weitere enzymatische Umwandlung im Körper genutzt werden kann.
Die MTHFR-Genvariante
Etwa 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung in Mitteleuropa tragen eine Genvariante des MTHFR-Enzyms (am häufigsten die C677T-Polymorphismen), die die Umwandlung von synthetischer Folsäure zu aktivem 5-MTHF reduziert. Bei homozygoten Trägern kann die Enzymaktivität auf etwa 30 bis 40 Prozent reduziert sein. In der wissenschaftlichen Diskussion wird in solchen Fällen eine Supplementierung mit direkt aktivem 5-MTHF (Methyl-Folat) statt klassischer Folsäure diskutiert, weil sie ohne den enzymatischen Umwandlungsschritt resorbierbar ist. Eine Bestimmung des MTHFR-Status ist über genetische Tests möglich, gehört aber in die ärztliche Beratung.
Funktion im Körper
Folsäure und ihre aktiven Folate haben mehrere zentrale Funktionen im Stoffwechsel.
Zellteilung und DNA-Synthese: Folate sind essenzielle Cofaktoren bei der Synthese der DNA-Bausteine. Ohne ausreichende Folate kann die Zellteilung nicht regelrecht ablaufen. Folsäure hat eine Funktion bei der Zellteilung, eine zugelassene gesundheitsbezogene Aussage.
Bildung roter Blutkörperchen: Folate sind notwendig für die Reifung der roten Blutkörperchen im Knochenmark. Ein Mangel führt zu einer makrozytären (großzelligen) Anämie. Folsäure trägt zur normalen Bildung roter Blutkörperchen bei.
Homocystein-Stoffwechsel: Folate sind Cofaktoren der Umwandlung von Homocystein zu Methionin. Erhöhte Homocystein-Werte gelten als kardiovaskulärer Risikomarker. Folsäure trägt zum normalen Homocystein-Stoffwechsel bei.
Aminosäuren-Synthese: Folate sind Cofaktoren bei der Synthese verschiedener Aminosäuren. Folsäure trägt zur normalen Aminosäuren-Synthese bei.
Psychische Funktion: Folate sind an der Bildung von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin beteiligt. Folsäure trägt zu einer normalen psychischen Funktion bei.
Embryonale Entwicklung: Folate sind in der Frühschwangerschaft zentral für die Schließung des Neuralrohrs, das sich zwischen Tag 21 und 28 nach der Befruchtung bildet. Folsäure trägt zu einem normalen Wachstum des ungeborenen Kindes bei.
Tagesbedarf
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt folgende Tagesmengen.
Erwachsene Männer und Frauen: 300 Mikrogramm Folat-Äquivalente pro Tag.
Frauen mit Kinderwunsch und in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen: 550 Mikrogramm Folat-Äquivalente pro Tag, davon mindestens 400 Mikrogramm als zusätzliche synthetische Folsäure-Supplementierung.
Schwangere ab dem zweiten Trimester: 550 Mikrogramm Folat-Äquivalente pro Tag.
Stillende Frauen: 450 Mikrogramm Folat-Äquivalente pro Tag.
Kinder und Jugendliche: 80 bis 300 Mikrogramm je nach Alter.
In Deutschland ist die durchschnittliche Folsäure-Versorgung der Bevölkerung nach Daten der Nationalen Verzehrsstudie II und der DGE unzureichend. Viele Erwachsene erreichen die Empfehlungen nicht, vor allem bei wenig Verzehr von grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten. Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine flächendeckende Folsäure-Anreicherung von Mehl oder Getreideprodukten.
Folat-reiche Lebensmittel
Folate sind in zahlreichen Lebensmitteln enthalten, vor allem pflanzlichen Ursprungs.
Sehr hoch (über 100 µg pro 100 g): Hülsenfrüchte (Linsen, Kichererbsen, weiße Bohnen, Sojabohnen), Weizenkeime, Spinat, Grünkohl, Mangold, Brokkoli, Spargel, Avocado, Rote Bete, Petersilie, Rinder- und Hühnerleber.
Hoch (50 bis 100 µg pro 100 g): Vollkornprodukte (Weizen, Hafer, Roggen), Eigelb, Erdnüsse, Nüsse, Kürbiskerne, Sonnenblumenkerne, Rosenkohl, Blumenkohl, Romana-Salat, Feldsalat, Zitrusfrüchte.
Moderat (20 bis 50 µg pro 100 g): Andere Obst- und Gemüsesorten, Käse, Eier.
Eine bewusst gemüselastige, vollkornorientierte Ernährung mit täglich frischem Blattgemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten kann die DGE-Empfehlung für Nicht-Schwangere meist gut decken. In der Schwangerschaft und bei Kinderwunsch reicht eine reine Ernährungsversorgung in der Regel nicht aus, weil der Bedarf höher liegt und die Folat-Verluste bei Lagerung und Zubereitung relevant sind.
Verlust bei Lagerung und Zubereitung
Folate sind hitze-, licht- und sauerstoffempfindlich. Bei Lagerung von frischem Gemüse über mehrere Tage gehen 30 bis 70 Prozent des Folat-Gehalts verloren. Beim Kochen werden weitere 30 bis 50 Prozent zerstört, vor allem wenn das Kochwasser entsorgt wird. Praktische Empfehlungen: frisches Blattgemüse möglichst zeitnah verzehren, kurze Garzeiten mit wenig Wasser oder Dünsten bevorzugen, Rohkost-Anteile einbauen wo sinnvoll, schonende Trocknung bei niedrigen Temperaturen wie bei Bio-Pulvern in Rohkostqualität erhält Folate besser als industrielle Heißluft-Trocknung.